Kindheitserinnerungen aus dem Taunus werden zu Fotokunst

Ein Traum und ein Stück dörfliche Handwerkstradition: Beides steht hinter der Ausstellung „Räuber / Zum Ratschker“ der Fotografin Nane Diehl in der Amthof-Galerie in Bad Camberg im August. Nane Diehl stammt aus dem Bad Camberger Stadtteil Erbach. Heute lebt und arbeitet sie in Berlin. Die Verbindung zu ihrer alten Heimat hat sie jedoch niemals abreißen lassen. Und so hat sie Erich Ratschker, den inzwischen 91-jährige Schuhmachermeister aus Erbach, zum Protagonisten zweier Fotoserien gemacht.

Räuber - Nane Diehl

„Zum Ratschker gehen“ – so hieß es in Nane Diehls Kindheit, wenn Schuhe zum Schuster gebracht werden mussten. Das bedeutete, in die kuriose Welt der Werkstatt Erich Ratschkers einzutauchen. Dort tickten Schwarzwalduhren, aus denen der Kuckuck jeden Augenblick unerwartet erscheinen konnte. Es roch nach Harz und Schusterleim. Werkzeuge und Holzschnitzereien mit grässlich verzerrten Gesichtern waren überall verteilt; aus einem Käfig drang das schrille Zwitschern von Kanarienvögeln. Und mittendrin: Herr Ratschker hinter seinem Tresen, der Herrscher seiner seltsamen Wunderkammer.

Zum Ratschker (Archiv I) - Nane Diehl
Räuber (Hütte) - Nane Diehl

Diese bleibenden Erinnerungen griff Nane Diehl im Jahr 2024 auf, als sie sich in einer Fotoserie mit einem wiederkehrenden Traum ihrer Kindheit auseinandersetzte: Darin irrt ein Mädchen nachts durch einen Wald, bis es auf eine Hütte stößt. Dort belauscht es zwei Räuber, die einen Überfall planen. Aus Angst, entdeckt zu werden, ergreift es die Flucht. Der Traum und die Fotoserie „Räuber“ speisen sich aus Märchen und Erzählungen, aus Bildern von Menschen und Orten in Erbach sowie aus Gefühlen und Eindrücken. Im Zentrum des Traums stehen Räuberfiguren ähnlich jenen, die Erich Ratschker in Wurzeln und Baumstämme schnitzte. Die Fotoserie versucht vor diesem Hintergrund eine Auseinandersetzung mit dem Unheimlichen aus kindlicher Perspektive. In diesem Rahmen dokumentierte Diehl auch Erzählungen Erich Ratschkers, geprägt von Familie, Freunden, Arbeit und Dorfleben, aber auch von der Vertreibung aus dem Sudetenland und dem mitunter mühevollen Ankommen in der Fremde.

Räuber (Kleber) - Nane Diehl

Nane Diehl, geboren 1976, lebte bis zu ihrem 18. Geburtstag in Erbach. Nach ihrem Magisterabschluss in Kulturwissenschaften und Englischer Literatur an der Humboldt-Universität arbeitete sie als Projektmanagerin im Verlagswesen und assistierte dann einige Jahre verschiedenen Fotografen. Seither arbeitet sie als selbständige Porträtfotografin sowie als Art Direktorin für Mode und E-Commerce. Aktuell ist sie Meisterschülerin an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin.

Zur Vernissage lädt die Amthof-Galerie für am Sonntag, 2. August, 11 Uhr, ein. Die Ausstellung ist bis zum 30. August jeweils sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Nane Diehl wird über die gesamte Zeit hinweg anwesend sein und an jedem Ausstellungstag um 15 Uhr eine persönliche Führung anbieten.